Wege nach der Schule
Ausbildung oder Studium 2027: Die Entscheidungshilfe für Eltern
Ausbildung oder Studium? Beide Wege führen ineinander über, die Frage heißt also nicht entweder oder. Was die Abbruchzahlen sagen und was beides kostet.
Von Leonard Döppeler · Zuletzt aktualisiert am
Die Frage ist falsch gestellt, solange sie „entweder oder" heißt – beide Wege führen inzwischen ineinander über. Nach einer Ausbildung steht das Studium offen, nach einem abgebrochenen Studium die Ausbildung mit Anrechnung. Was wirklich zählt, ist nicht die Rangfolge der Abschlüsse, sondern die Frage, wie Ihr Kind lernt: mit sichtbarem Zweck oder mit Geduld für Theorie. Dieser Ratgeber zeigt, woran sich das erkennen lässt, was beide Wege kosten und was die Abbruchzahlen wirklich aussagen.
Der Unterschied, auf den es ankommt
| Ausbildung | Studium | |
|---|---|---|
| Lernform | anwenden, dann verstehen | verstehen, dann anwenden |
| Struktur | vorgegeben, Betrieb und Berufsschule | selbst einzuteilen |
| Geld | Vergütung ab Tag eins | Kosten, Verdienst später |
| Rückmeldung | täglich im Betrieb | nach der Klausur |
| Festlegung | auf einen Beruf | auf ein Fach, Beruf offen |
Die vierte Zeile wird unterschätzt. Jugendliche, die Rückmeldung brauchen, um dranzubleiben, geraten im Studium in Schwierigkeiten, lange bevor der Stoff zu schwer wird.
Was die Abbruchzahlen wirklich sagen
Beide Wege werden ähnlich häufig verlassen – aber das bedeutet nicht dasselbe.
- Ausbildung: Laut BIBB-Datenreport wurden 2024 29,7 Prozent der Verträge vorzeitig gelöst.
- Studium: Das Deutsche Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung ermittelte für die Bachelor-Anfängerjahrgänge 2016 und 2017 eine Abbruchquote von 28 Prozent – an Universitäten 35 Prozent, an Hochschulen für angewandte Wissenschaften 20 Prozent.
Der entscheidende Unterschied steckt im Wort: Eine Vertragslösung ist kein Ausbildungsabbruch. Die Mehrheit setzt die Ausbildung fort, oft im selben Beruf bei einem anderen Betrieb, und die bereits absolvierte Zeit wird in der Regel angerechnet. Ein Studienabbruch dagegen ist meist ein tatsächlicher Ausstieg aus dem Fach.
Wer also Sicherheit sucht, findet sie eher in der Ausbildung, als die nackten Prozentzahlen vermuten lassen.
Was beides kostet
Eine Ausbildung bringt Geld: mindestens 724 Euro im ersten Jahr für Verträge mit Beginn 2026 nach § 17 Abs. 2 BBiG, in der Pflege 1.490,69 Euro. Der Satz für Vertragsbeginn 2027 wird bis zum 1. November 2026 bekanntgegeben.
Ein Studium kostet: Semesterbeitrag von meist 150 bis 400 Euro, Lebenshaltung, und vor allem das Einkommen, auf das in dieser Zeit verzichtet wird. BAföG deckt bei auswärts wohnenden Studierenden höchstens 992 Euro im Monat, zur Hälfte als Darlehen.
Über drei Jahre gerechnet trennt die beiden Wege damit ein fünfstelliger Betrag – der sich später ausgleichen kann, aber eben erst später. Einzelheiten in Ausbildungsvergütung.
Keine Sackgasse in beide Richtungen
Nach dem Beschluss der Kultusministerkonferenz vom 6. März 2009 öffnet ein Meister-, Techniker- oder Fachwirtabschluss jedes Studium, auch ohne Abitur – bei Fortbildungsabschlüssen nach §§ 53, 54 BBiG allerdings nur, wenn die Lehrgänge mindestens 400 Unterrichtsstunden umfassen. Mit einer mindestens zweijährigen Ausbildung und drei Jahren Berufspraxis im passenden Bereich ist ein fachgebundenes Studium möglich, dort zusätzlich nach einer Eignungsprüfung oder einem erfolgreichen Probejahr. Ausführlich in Studium ohne Abitur nach der Ausbildung.
Umgekehrt gilt: Wer das Studium abbricht, bekommt Studienzeiten auf eine anschließende Ausbildung häufig angerechnet – darüber entscheidet die zuständige Kammer.
Häufig gestellte Fragen: Ausbildung oder Studium 2027: Die Entscheidungshilfe für Eltern
Verdient man mit Studium immer mehr als mit Ausbildung?
Nein – im Durchschnitt ja, im Einzelfall oft nicht, und der Durchschnitt verdeckt Spannen, die größer sind als der Abstand zwischen den Wegen.
Ein Akademikergehalt liegt im Mittel über dem eines Facharbeiters, aber beide Gruppen streuen enorm: Ein Industriemeister verdient oft mehr als ein Absolvent der Geisteswissenschaften, eine Pflegefachkraft mit Fachweiterbildung mehr als mancher Bachelor. Entscheidender als der Abschluss sind die Branche und die Frage, ob eine Aufstiegsfortbildung folgt.
Belastbare Werte für einzelne Berufe liefert der Entgeltatlas der Bundesagentur für Arbeit, der auf den gemeldeten Bruttoentgelten der Sozialversicherung beruht – dort lässt sich der konkrete Wunschberuf nachschlagen statt einer Sammelstatistik.
Zu bedenken ist außerdem der Zeitpunkt: Wer mit 19 anfängt zu verdienen, hat einen Vorsprung von fünf Jahren Einkommen und Rentenbeiträgen, den ein späteres höheres Gehalt erst aufholen muss. Welche Ausbildungsberufe gut zahlen, zeigt Gut bezahlte Ausbildungsberufe.
Kann mein Kind nach einer Ausbildung noch studieren?
Ja, auf zwei Wegen – und welcher gilt, hängt vom Abschluss ab, nicht vom Wunsch. Nach dem Beschluss der Kultusministerkonferenz vom 6. März 2009 erhält eine allgemeine Hochschulzugangsberechtigung, wer eine Aufstiegsfortbildung abgeschlossen hat: Meister im Handwerk nach §§ 45, 51a, 122 HwO, Fortbildungsabschlüsse nach §§ 53, 54 BBiG oder §§ 42, 42a HwO bei mindestens 400 Unterrichtsstunden, Fachschulabschlüsse wie der staatlich geprüfte Techniker. Damit steht jedes Fach an jeder Hochschule offen. Ohne einen solchen Abschluss bleibt der fachgebundene Weg: mindestens zweijährige Ausbildung in einem zum Studiengang passenden Bereich, mindestens drei Jahre passende Berufspraxis und ein bestandenes Eignungsfeststellungsverfahren – ersetzbar durch ein erfolgreich absolviertes Probestudium von mindestens einem Jahr. Die letzte Bedingung wird häufig unterschlagen; Berufspraxis allein genügt nicht.
Wie erkenne ich, ob mein Kind eher der Ausbildungs- oder Studientyp ist?
An drei Beobachtungen aus dem Alltag, nicht an den Noten:
- Umgang mit unstrukturierter Zeit: Wer sich Aufgaben selbst einteilt, ohne dass jemand fragt, kommt im Studium zurecht.
- Theorie ohne sichtbaren Zweck: Wer ein Thema auch dann verfolgt, wenn es gerade zu nichts führt, ebenfalls.
- Bedürfnis nach Rückmeldung: Wer besser arbeitet, sobald ein Ergebnis sichtbar wird, und regelmäßige Rückmeldung braucht, ist in der Ausbildung richtig – dort gibt es beides täglich.
Der Notendurchschnitt sagt dazu wenig; er misst, was die Schule prüft. Verlässlicher ist der praktische Test: zwei Wochen Praktikum gegen einen Schnuppertag an der Hochschule. Auch die Tätigkeitsbeschreibung in BERUFENET der Bundesagentur für Arbeit ist ein Prüfstein – lässt sie Ihr Kind kalt, ist das eine Antwort.
Und eine Warnung vor dem häufigsten Fehlschluss: Ein gutes Abitur ist kein Argument für ein Studium, sondern nur die Eintrittskarte dafür. Wer eher praktisch veranlagt ist, findet Anregungen in Kind will Ausbildung statt Studium.
Ist ein duales Studium der beste Kompromiss?
Nur für Jugendliche, die sich schon festgelegt haben – für Unentschlossene ist es der schlechteste der drei Wege, weil es die Festlegung vorzieht statt aufzuschieben. Das duale Studium verbindet Vergütung, Praxis und Bachelor, verlangt dafür aber die gleichzeitige Entscheidung für Branche, Unternehmen und Fach, und zwar mit 18. Es gibt keine vorlesungsfreie Zeit; die Wochen zwischen den Theorieblöcken sind Arbeitszeit im Betrieb.
Entscheidend ist außerdem das Format, und der Unterschied zeigt sich erst bei einem Abbruch:
- Ausbildungsintegrierend. Es besteht zusätzlich ein Ausbildungsvertrag nach dem Berufsbildungsgesetz, es gilt die Mindestausbildungsvergütung nach § 17 Abs. 2 BBiG, und bei einem Abbruch bleibt der Kammerabschluss erhalten.
- Praxisintegrierend. Weder Mindestvergütung noch Kammerprüfung – und bei einem Abbruch nichts Formales.
Ausführlich in Duales Studium.
Was kostet ein Studium im Vergleich zur Ausbildung?
Der Unterschied liegt nicht in den Gebühren, sondern im entgangenen Einkommen – über drei Jahre ein fünfstelliger Betrag.
Eine Ausbildung zahlt: mindestens 724 Euro im Monat im ersten Jahr für Verträge mit Beginn 2026 nach § 17 Abs. 2 BBiG, in der Pflege 1.490,69 Euro. Das Kindergeld von 259 Euro nach § 66 EStG läuft in beiden Fällen weiter.
Ein Studium kostet an staatlichen Hochschulen meist nur 150 bis 400 Euro Semesterbeitrag, dazu aber die volle Lebenshaltung. BAföG deckt bei auswärts wohnenden Studierenden höchstens 992 Euro im Monat und wird zur Hälfte als Darlehen gewährt.
Rechnen Sie deshalb nicht die Gebühren, sondern die Differenz: Was Ihr Kind in der Ausbildung verdient plus was das Studium an Unterhalt kostet. Ein berufsbegleitendes oder duales Modell umgeht diesen Posten, dauert aber länger – mehr dazu in Duales Studium.
Was mache ich, wenn mein Kind sich nicht entscheiden kann oder orientierungslos ist?
Die Entscheidung nicht erzwingen, sondern sie kleiner machen – und die Zeit nutzen, statt sie auszusitzen. Wer zwischen Ausbildung und Studium schwankt, braucht selten mehr Information, sondern Anschauung:
- ein Praktikum in beiden Welten,
- ein Gespräch mit jemandem aus dem Beruf,
- ein Schnuppertag an der Hochschule.
Nützlich ist auch der Hinweis, dass die Entscheidung weniger festlegt, als sie sich anfühlt – beide Wege führen ineinander über.
Ein Übergangsjahr ist kein verlorenes Jahr, wenn es Struktur hat: Ein Freiwilligendienst nach dem Jugendfreiwilligendienstegesetz sichert Taschengeld, Versicherung und den Kindergeldanspruch, und zwischen Schulabschluss und Ausbildungsbeginn zahlt die Familienkasse ohnehin bis zu vier Monate weiter. Holen Sie außerdem die Berufsberatung der Bundesagentur für Arbeit dazu; sie ist kostenlos, und Sie können Ihr Kind zum Termin begleiten, wenn es das möchte. Mehr für diese Lage: Orientierungslos nach dem Abi.
Wie kann ich mein Kind motivieren, wenn es keine Lust auf Berufswahl hat?
Gar nicht über Motivation, sondern über Anlässe – und zuerst prüfen, ob es Unlust ist oder Überforderung. Beide sehen gleich aus und brauchen das Gegenteil voneinander. Überforderung zeigt sich daran, dass Termine vergessen werden, Antworten auf „weiß nicht“ schrumpfen und fertige Unterlagen liegen bleiben; dann hilft Verkleinern, nicht Nachdruck. Echte Unlust in Klasse 8 oder 9 ist dagegen normal, weil die Entscheidung noch weit weg ist.
Was wirkt, sind Gelegenheiten statt Gespräche: ein Bekannter, der von seiner Arbeit erzählt, ein Tag im Betrieb, eine Sendung über einen Beruf. Dazu ein fester Termin pro Woche, den Ihr Kind selbst füllt – zwanzig Minuten reichen.
Vermeiden Sie Wiederholung: Einmal gesagt ist ein Hinweis, dreimal gesagt ist Druck. Bewegt sich gar nichts, ist die Berufsberatung der Bundesagentur für Arbeit der nächste Schritt – kostenlos und auf Wunsch Ihres Kindes auch mit Ihnen gemeinsam. Mehr dazu in Berufswahl ohne Druck.
Übersicht zum Thema: Wege nach der Schule 2027: Fünf Optionen und ihre Fristen