Orientierung & Berufswahl

Kind weiß nicht, was es werden will? 7 Schritte für Eltern 2027

Weiß Ihr Kind nicht, was es werden will, ist das der Normalfall. Die Lösung ist nicht mehr Information, sondern Erfahrung – in sieben konkreten Schritten.

Von Leonard Döppeler · Zuletzt aktualisiert am

Wenn Ihr Kind nicht weiß, was es werden will, ist das kein Alarmzeichen, sondern der Normalfall – und die Lösung ist nicht mehr Information, sondern mehr Erfahrung. Aus 325 anerkannten dualen Ausbildungsberufen (BIBB-Verzeichnis 2026) kennt ein Jugendlicher vielleicht zwanzig; eine Entscheidung aus dieser Lage heraus ist keine Wahl, sondern ein Raten. Wie teuer das Raten ist, zeigt der BIBB-Datenreport 2026: Fast jeder dritte Ausbildungsvertrag wurde 2024 vorzeitig gelöst (29,7 Prozent), einer der Hauptgründe sind falsche Vorstellungen vom Beruf. Die sieben Schritte in diesem Ratgeber ersetzen die große Frage „Was willst du werden?" durch kleine, machbare Handlungen – und nehmen dabei den Druck raus, der die Blockade oft erst erzeugt.

Warum weiß mein Kind nicht, was es werden will?

Drei Gründe, die fast immer zusammenkommen – und keiner davon heißt Faulheit:

  • Die Auswahl ist zu groß und zu unsichtbar. 325 duale Ausbildungsberufe plus schulische Ausbildungen und Studiengänge; sichtbar sind davon die Berufe aus Familie, Serien und Schulalltag. Kein Jugendlicher kann wählen, was er nicht kennt.
  • Die Frage ist zu groß. „Was willst du werden?" klingt nach einer Entscheidung für vierzig Jahre. Tatsächlich legt die erste Ausbildung nichts endgültig fest – aber so fühlt es sich mit 15 nicht an.
  • Der Druck kommt von außen. Verwandte fragen, Mitschüler haben scheinbar schon einen Plan, und zu Hause steht die Frage jeden Sonntag im Raum. Wer unter Druck antwortet, nennt das Naheliegende – und das hält selten drei Jahre.

Was Sie daraus mitnehmen können: Orientierungslosigkeit ist eine Phase, kein Charakterzug. Sie endet nicht durch Nachdenken, sondern durch Ausprobieren. Wenn Ihr Kind zusätzlich antriebslos wirkt und sich zurückzieht, lesen Sie Kind antriebslos bei der Berufswahl – das ist ein anderes Thema mit anderen Lösungen.

Schritt 1: Den Druck rausnehmen – ohne das Thema fallen zu lassen

Streichen Sie drei Sätze: „Was willst du denn nun werden?", „In deinem Alter wusste ich schon…", „Langsam wird es aber Zeit." Ersetzen Sie sie durch Fragen, die eine Antwort in einem Satz erlauben:

  • „Was hast du diese Woche freiwillig gemacht, ohne dass jemand es verlangt hat?"
  • „Bei welcher Schulaufgabe hast du die Zeit vergessen?"
  • „Drinnen oder draußen, allein oder mit Leuten, am Bildschirm oder mit den Händen?"
  • „Was soll auf keinen Fall Teil deines Jobs sein?"

Die letzte Frage ist die ergiebigste: Jugendliche wissen fast immer genauer, was sie nicht wollen. Führen Sie diese Gespräche nebenbei – im Auto, beim Kochen –, nicht als angekündigtes Gespräch am Küchentisch.

Und vereinbaren Sie eine Regel für den Rest der Familie: Bei Geburtstagen und Familienfeiern wird nicht nach dem Berufswunsch gefragt. Das entlastet mehr, als Eltern denken.

Schritt 2: Stärken sichtbar machen

Stärken stehen nicht im Zeugnis, sondern im Alltag. Beobachten Sie zwei Wochen lang mit vier Fragen: Womit beschäftigt sich Ihr Kind freiwillig lange? Wobei kommen andere zu ihm? Was macht es anders als Gleichaltrige? Wo ärgert es sich über schlechte Arbeit anderer?

Daraus entstehen drei bis fünf Stärken in Alltagssprache – „repariert gern", „merkt, wenn es jemandem schlecht geht", „hält Ordnung, wo es ihm wichtig ist". Lesen Sie sie Ihrem Kind vor, mit je einem Beispiel. Die meisten Jugendlichen hören zum ersten Mal, was Eltern an ihnen sehen; das allein bewegt oft mehr als jede Berufsliste. Die Methoden im Detail stehen in Stärken des Kindes herausfinden.

Schritt 3: Berufe sichtbar machen, die Ihr Kind nicht kennt

Jetzt erst kommen Berufe ins Spiel – und zwar solche, die im Alltag nicht vorkommen. Wirksam sind:

  • Ein Tag im Betrieb eines Bekannten. Kein Praktikum, nur Zuschauen.
  • Ausbildungsmessen der Kammern im Frühjahr und Herbst – dort spricht Ihr Kind mit Azubis, nicht mit Eltern.
  • Tag der offenen Tür bei Betrieben in der Nähe – ohne Anmeldung, ohne Erwartung, eine Stunde reicht.
  • Die Wege-Übersicht auf jobfari über Ausbildung, Studium, duales Studium und Freiwilligendienst – damit Ihr Kind die Landschaft sieht, bevor es einen Punkt darin wählt.
  • Unternehmensprofile aus der Region unter Unternehmen entdecken.

Welche Berufsfelder belegte Nachfrage haben, zeigt die Engpassanalyse der Bundesagentur für Arbeit: Engpässe bestehen seit Jahren in Bauberufen, im Gesundheits- und Pflegebereich sowie in metall- und elektrotechnischen Berufen. Eine Auswahl mit Zahlen steht in Ausbildungsberufe mit Zukunft.

Schritt 4: Einen Test als Gegenprobe nutzen – nicht als Entscheidung

Ein Interessentest sortiert Neigungen in Berufsfelder. Er entscheidet nichts, aber er prüft, ob Ihre Beobachtung und die Selbsteinschätzung Ihres Kindes zusammenpassen. Stimmen sie überein, ist das ein starkes Signal; weichen sie ab, haben Sie einen Gesprächsanlass.

Auf jobfari macht Ihr Kind den Orientierungstest allein oder mit Ihnen. Er ordnet Interessen sechs Berufsfeldern zu und misst damit Neigungen, nicht Fähigkeiten. Wichtig ist die Reihenfolge: erst beobachten, dann testen – ein Test vor Ihrer Beobachtung färbt das Gespräch, danach ist er eine Gegenprobe. Nehmen Sie kein Ergebnis als Urteil, sondern drei bis fünf Berufe daraus mit in Schritt 5.

Schritt 5: Praktikum – der Schritt, der wirklich entscheidet

Zwei Wochen im Betrieb sagen mehr als zwanzig Stunden Recherche. Ihr Kind erlebt, was kein Text vermittelt: Tempo, Menschen, Ort, Körper, Feierabend. Und es bekommt eine Antwort, die es selbst gefunden hat – das ist der Unterschied zu jedem Elternvorschlag.

Planen Sie zwei Praktika in unterschiedlichen Feldern: das schulische Pflichtpraktikum plus eines in den Ferien. In den Ferien sind höchstens vier Wochen im Kalenderjahr erlaubt, solange Ihr Kind vollzeitschulpflichtig ist (§ 5 Abs. 4 JArbSchG). Wo Sie Plätze finden, steht in Schülerpraktikum finden.

Danach drei Fragen: Welche Aufgabe hat Spaß gemacht – und was genau daran? Wie war der Tag insgesamt? Was hat dich überrascht? Ein Praktikum, das „nichts" war, ist ein Ergebnis, kein Scheitern: Es streicht einen Beruf, bevor eine Ausbildung daran scheitert.

Schritt 6: Professionelle Beratung dazuholen

Viele Jugendliche sprechen mit Fremden offener über ihre Zukunft als mit den Eltern. Das ist normal und kein Misstrauensvotum:

  • Berufsberatung der Agentur für Arbeit – gesetzlicher Auftrag nach §§ 29 und 30 SGB III, kostenlos nach § 296a SGB III. Sie kommt an die Schule, kennt die Ausbildungsplätze der Region und führt auch Gespräche mit Eltern. Wie ein Termin abläuft, steht in Berufsberatung der Arbeitsagentur.
  • Berufsorientierungs-Koordination der Schule – kennt Praktikumsbetriebe und den Jahresplan.
  • Berufseinstiegsbegleitung nach § 49 SGB III, wenn auch der Schulabschluss wackelt: eine feste Begleitperson ab der Vorabgangsklasse bis ein halbes Jahr nach Ausbildungsbeginn, beantragt über die Schule.
  • Ein privater Berufsberater kostet 300 bis 1.500 Euro und ist nur sinnvoll, wenn das kostenlose Angebot ausgeschöpft ist.

Schritt 7: Einen Zeitplan setzen – und einen Plan B

Ohne Termine passiert nichts. Mit Terminen entsteht Ruhe, weil nicht mehr jeden Tag daran gedacht werden muss: ein fester Zeitpunkt pro Woche, den Ihr Kind selbst füllt, und die echten Fristen im Familienkalender. Großbetriebe besetzen ihre Ausbildungsplätze im Herbst des Vorjahres, Handwerk und Handel bis in den Sommer – den vollständigen Ablauf zeigt Zeitplan Berufsorientierung.

Und der Plan B gehört ausgesprochen, bevor er gebraucht wird: Wenn zum Ausbildungsstart nichts gefunden ist, gibt es die Einstiegsqualifizierung als vergütetes betriebliches Langzeitpraktikum, einen Freiwilligendienst oder eine berufsvorbereitende Maßnahme. Zum 30. September 2025 waren laut Bundesagentur für Arbeit noch 54.400 Ausbildungsstellen unbesetzt – es fehlt selten an Plätzen. Ein Jahr Umweg mit Plan ist besser als eine Ausbildung, die im vierten Monat endet.

Wenn Sie sich mit Eltern austauschen möchten, deren Kinder dieselbe Phase durchlaufen, finden Sie sie im Elternclub.

Häufig gestellte Fragen: Kind weiß nicht, was es werden will? 7 Schritte für Eltern 2027

Was tun, wenn mein Kind überhaupt keine Interessen zeigt?

Nicht nach Interessen fragen, sondern beobachten – und die Frage verkleinern. „Keine Interessen“ heißt oft: keine Interessen, die im Berufsraster auftauchen. Gaming enthält Strategie, Reaktion und Kommunikation; stundenlanges Videoschauen kann Neugier auf ein Thema sein; Rückzug kann Erschöpfung sein.

Beobachten Sie zwei Wochen lang, womit sich Ihr Kind freiwillig beschäftigt, und fragen Sie Dritte – Trainer, Lehrkraft, Chefin des Nebenjobs –, was es gut kann. Dann setzen Sie die kleinste mögliche Handlung an: einen Tag im Betrieb eines Bekannten.

Bleibt es über Monate teilnahmslos, ist das ein Fall für die Berufsberatung der Bundesagentur für Arbeit oder die kinder- und jugendärztliche Praxis, nicht für mehr Berufsinformation. Mehr dazu in Kind antriebslos bei der Berufswahl.

Mehr zur Frage: Was tun, wenn mein Kind überhaupt keine Interessen zeigt?

Ab welchem Alter sollte die Berufsorientierung beginnen?

Beiläufig ab Klasse 7 oder 8, gezielt ab Klasse 9 – so, dass in Klasse 10 Bewerbungen auf drei bis fünf ausgewählte Berufe möglich sind. Wann die schulische Berufsorientierung beginnt, regeln die Länder unterschiedlich; Potenzialanalyse und Werkstatttage stammen oft aus dem Berufsorientierungsprogramm des Bundes, das Kammern und Bildungsträger vor Ort umsetzen. Zu Hause heißt das:

  • Klasse 7 und 8: beobachten, Berufe zeigen, keine Entscheidung verlangen.
  • Klasse 9: Berufsberatung, Interessentest und Pflichtpraktikum.
  • Klasse 9 und 10: Ferienpraktika und Bewerbungen.

Am Gymnasium verschiebt sich alles um zwei bis drei Jahre – und wird oft vergessen, weil das Studium als selbstverständlich gilt. Den Ablauf Jahr für Jahr zeigt Zeitplan für die Berufsorientierung.

Mehr zur Frage: Ab welchem Alter sollte die Berufsorientierung beginnen?

Wie lange dauert es, bis Jugendliche wissen, was sie wollen?

Oft ein bis zwei Jahre zwischen der ersten ernsthaften Beschäftigung und einer tragfähigen Entscheidung – und die fällt selten beim Nachdenken, sondern meist nach einem Praktikum.

Eine allgemeingültige Dauer gibt es nicht; entscheidend ist nicht die Zeit, sondern die Zahl der Erfahrungen. Zwei Praktika in unterschiedlichen Feldern, ein Beratungstermin und ein Messebesuch bringen mehr als zwölf Monate Grübeln.

Passt nach der zweiten Erfahrung immer noch nichts, liegt es oft an der Auswahl der Felder. Dann lohnt der Blick auf Berufe, die Ihr Kind gar nicht kannte: Im Verzeichnis der anerkannten Ausbildungsberufe des BIBB stehen 325 duale Berufe, von denen im Alltag nur wenige sichtbar sind. Wie ein Messebesuch gelingt, zeigt Berufsmesse vorbereiten.

Mehr zur Frage: Wie lange dauert es, bis Jugendliche wissen, was sie wollen?

Soll ich als Elternteil einen Berufsberater engagieren?

In den meisten Fällen nicht – die Berufsberatung der Agentur für Arbeit leistet vieles davon kostenlos und kennt zusätzlich die offenen Ausbildungsplätze Ihrer Region. Sie ist gesetzlicher Auftrag nach §§ 29 und 30 SGB III, bietet Sprechstunden an Schulen und Einzelgespräche, zu denen Eltern mitkommen können, und kann über den Berufspsychologischen Service eine Eignungsuntersuchung veranlassen (§ 32 SGB III).

Ein privates Coaching kostet je nach Umfang mehrere hundert Euro und mehr. Es lohnt sich vor allem in besonderen Lagen:

  • nach einer gescheiterten Ausbildung,
  • bei gesundheitlichen Einschränkungen,
  • bei einer sehr speziellen Berufsrichtung,
  • bei einem völlig blockierten Verhältnis zwischen Eltern und Kind.

Prüfen Sie vorher die kostenlosen Wege – Details in Privater Berufsberater: Lohnt sich das?

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Was ist, wenn mein Kind nach dem Schulabschluss immer noch keinen Plan hat?

Dann ist ein strukturierter Umweg die bessere Wahl als eine Ausbildung ins Blaue – aber er braucht einen Plan und ein Enddatum. Drei Wege kommen infrage:

  • Einstiegsqualifizierung nach § 54a SGB III: ein vom Betrieb vergütetes Langzeitpraktikum von vier bis zwölf Monaten. Übernimmt der Betrieb danach in Ausbildung, können beide Seiten eine Verkürzung beantragen (§ 8 Abs. 1 BBiG).
  • Freiwilligendienst (FSJ, FÖJ, BFD): Struktur, Taschengeld und Kindergeldanspruch.
  • Berufsvorbereitende Bildungsmaßnahme der Agentur für Arbeit mit Praktika in mehreren Feldern.

Melden Sie Ihr Kind in jedem Fall bei der Agentur für Arbeit als ausbildungsuchend. Mit nachweisbarer Suche läuft das Kindergeld auch über die viermonatige Übergangszeit hinaus weiter.

Was nicht funktioniert, ist ein Jahr Jobben ohne Ziel: Es fühlt sich nach Geld an und kostet den nächsten Ausbildungsstart. Mehr zu den Übergangswegen in Wege nach der Schule.

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Übersicht zum Thema: Berufsorientierung 2027: 10 Tipps, wie Eltern ihr Kind wirklich unterstützen