Orientierung & Berufswahl
Generation Z und Berufswahl 2027: Was hinter den Ansprüchen steckt
Generation Z und die Berufswahl: Diese Generation verhandelt, weil sie es kann – 54.000 unbesetzte Stellen bei 40.000 unversorgten Bewerbern.
Von Leonard Döppeler · Zuletzt aktualisiert am
Der Vorwurf, diese Generation sei anspruchsvoll geworden, verkennt die Ursache: Sie verhandelt, weil sie verhandeln kann. Zum Ende des Beratungsjahres 2024/25 meldete die Bundesagentur für Arbeit rund 54.000 unbesetzte Ausbildungsstellen bei rund 40.000 unversorgten Bewerbern. Wer in einem Markt sucht, in dem mehr Stellen als Bewerber sind, stellt andere Fragen als jemand, der froh sein muss, genommen zu werden. Dieser Ratgeber ordnet die Ansprüche ein und zeigt, welche davon sachlich begründet sind.
Was sich tatsächlich geändert hat
Die Verhandlungsposition. Das ist die eine Änderung, aus der die meisten anderen folgen. Fragen nach Arbeitszeit, Übernahme und Tarifbindung sind in diesem Markt nicht anmaßend, sondern sachgerecht.
Die Sichtbarkeit von Alternativen. Das Verzeichnis der anerkannten Ausbildungsberufe des BIBB führt 325 duale Berufe. Wer sie recherchieren kann, vergleicht – und wechselt eher, wenn es nicht passt.
Die Erfahrung mit Abbrüchen im Umfeld. Laut BIBB-Datenreport wurde 2024 fast jeder dritte Ausbildungsvertrag vorzeitig gelöst (29,7 Prozent). Wer das im Freundeskreis sieht, prüft vorher genauer – was dabei wirklich hilft, steht in Berufswahl ohne Druck.
Was sich nicht geändert hat
Die Gründe, aus denen Ausbildungen scheitern, sind dieselben geblieben: Der am häufigsten genannte Lösungsgrund sind falsche Vorstellungen vom Beruf. Das ist kein Generationenthema, sondern ein Informationsproblem – und ein zweites Praktikum löst es zuverlässiger als jede Diskussion über Werte.
Ebenfalls unverändert: Der größte Einkommenshebel ist die Aufstiegsfortbildung, nicht die Wahl zwischen zwei Ausbildungsberufen. Meister, Techniker und Fachwirt öffnen nach dem Beschluss der Kultusministerkonferenz vom 6. März 2009 zusätzlich jedes Studium ohne Abitur – bei Fortbildungsabschlüssen nach §§ 53, 54 BBiG allerdings nur bei mindestens 400 Unterrichtsstunden Lehrgangsumfang. Wie die Vergütung überhaupt zustande kommt, zeigt Ausbildungsvergütung.
Häufig gestellte Fragen: Generation Z und Berufswahl 2027: Was hinter den Ansprüchen steckt
Ist die Generation Z wirklich faul?
Die Zahlen geben das nicht her – verändert hat sich die Verhandlungsposition, nicht die Leistungsbereitschaft.
Zum 30. September 2025 waren 54.400 Ausbildungsstellen unbesetzt, bei 39.900 unversorgten Bewerbern. In einem solchen Markt fragt man nach Arbeitszeit und Übernahme, statt dankbar zu sein. Das wirkt von außen wie Anspruchshaltung und ist sachlich begründetes Verhalten.
Auch die Abbrüche taugen nicht als Beleg: 2024 wurden 29,7 Prozent der Ausbildungsverträge vorzeitig gelöst, aber eine Vertragslösung ist kein Ausbildungsabbruch – etwa die Hälfte schließt danach erneut einen Ausbildungsvertrag ab, oft im selben Beruf bei einem anderen Betrieb.
Wo tatsächlich Motivation fehlt, lohnt der Blick auf Überforderung: Liegen gebliebene Berichtshefte, sich häufende Krankmeldungen und ein gedrehter Schlafrhythmus sehen wie Faulheit aus und sind oft etwas anderes. Mehr dazu in Kind antriebslos bei der Berufswahl.
Wie gehe ich damit um, wenn mein Kind einen unsicheren Berufswunsch hat?
Nicht als Problem behandeln, sondern als Ausgangspunkt – und die eine Frage stellen, die tatsächlich etwas klärt: Kennt Ihr Kind den Beruf aus eigener Anschauung? Ein unsicherer Wunsch mit Praktikumserfahrung ist besser begründet als ein sicherer ohne.
Fällt die Antwort Nein aus, fehlt nicht die Entschlossenheit, sondern die Grundlage – und dieselbe Prüfung wäre bei einem festen Wunsch fällig. Vereinbaren Sie deshalb einen Prüfschritt mit Datum statt eines Urteils:
- ein Praktikum,
- ein Gespräch mit jemandem aus dem Beruf,
- einen Termin bei der Berufsberatung der Bundesagentur für Arbeit, die kostenlos ist.
Entlastend ist außerdem, dass die erste Wahl weniger festlegt, als sie sich anfühlt: Bei einem Wechsel in einen verwandten Beruf kann Ausbildungszeit angerechnet werden, und nach dem Beschluss der Kultusministerkonferenz vom 6. März 2009 öffnet ein Meister-, Techniker- oder Fachwirtabschluss den Weg in jedes Studium. Mehr dazu in Berufswunsch unrealistisch?
Warum lehnen junge Menschen Überstunden ab?
Weil Überstunden in der Ausbildung oft gar nicht vorgesehen sind – und weil sie dort etwas anderes bedeuten als im Beruf. Für Auszubildende unter 18 gilt das Jugendarbeitsschutzgesetz:
- höchstens acht Stunden täglich und 40 Stunden wöchentlich (§ 8),
- Beschäftigung grundsätzlich nur zwischen 6 und 20 Uhr (§ 14),
- Fünf-Tage-Woche (§ 15).
Das ist keine Haltung, sondern geltendes Recht, und der Betrieb trägt die Verantwortung dafür. Für Volljährige gilt das Arbeitszeitgesetz; auch dort müssen Überstunden nach § 17 Abs. 7 BBiG vergütet oder durch Freizeit ausgeglichen werden.
Hinzu kommt ein inhaltlicher Punkt: Nach § 14 BBiG dürfen Auszubildenden nur Aufgaben übertragen werden, die dem Ausbildungszweck dienen. Wo Überstunden regelmäßig aus ausbildungsfremden Arbeiten entstehen, ist die Ausbildungsberatung der Kammer zuständig (§ 76 BBiG). Alle Grenzen für Minderjährige zeigt Jugendarbeitsschutzgesetz in der Ausbildung.
Sollte ich mein Kind ermutigen, den Beruf nach Gehalt zu wählen?
Nicht an erster Stelle – die Ausbildungsvergütung ist die am wenigsten aussagekräftige Zahl der ganzen Entscheidung. Sie sagt etwas über die Tarifbindung der Branche, wenig über das spätere Einkommen und nichts darüber, ob Ihr Kind den Beruf durchhält.
Die Spanne reicht von der Mindestausbildungsvergütung nach § 17 Abs. 2 BBiG – 724 Euro im ersten Jahr für Verträge mit Beginn 2026 – bis zu 1.490,69 Euro in der Pflege. Der Unterschied entsteht vor allem durch Tarifverträge, die nach § 17 Abs. 3 BBiG Vorrang haben.
Nach der Ausbildung sortiert sich das neu: Eine Aufstiegsfortbildung verschiebt das Einkommen stärker als die Wahl zwischen zwei Berufen. Belastbare Werte je Beruf liefert der Entgeltatlas der Bundesagentur für Arbeit.
Sinnvoll ist deshalb die Reihenfolge: zuerst die Tätigkeit, dann das Geld – und im Bewerbungsgespräch die Frage nach der Tarifbindung. Die Sätze einzelner Berufe zeigt Ausbildungsvergütung.
Wie unterstütze ich mein Kind bei der Suche nach einem Beruf, der Sinn macht?
Indem Sie „Sinn" in etwas Prüfbares übersetzen – sonst bleibt es ein Wort, an dem sich keine Entscheidung festmachen lässt. Drei Fragen leisten das:
- Für wen ist die Arbeit am Ende da?
- Sieht man das Ergebnis?
- Würde Ihr Kind den langweiligen Teil davon mitmachen?
Die dritte ist die aussagekräftigste, denn jede Tätigkeit hat einen, und wer ihn mitmacht, meint die Sache.
Konkret führt das oft in Berufe, die niemand auf dem Schirm hatte: Das Verzeichnis der anerkannten Ausbildungsberufe des BIBB führt 325 duale Berufe, von denen im Alltag nur wenige sichtbar sind. Was tatsächlich getan wird, steht in BERUFENET der Bundesagentur für Arbeit.
Und dann gilt, was für jede Berufswahl gilt: Zwei Wochen im Betrieb klären mehr als jedes Gespräch – gerade bei der Sinnfrage, weil sie sich erst im Alltag zeigt.
Mein Kind möchte nach dem Abitur erst einmal reisen. Soll ich das unterstützen?
Mit Rahmen ja, ohne Rahmen selten – und finanziell hängt mehr daran, als die meisten Familien vorher wissen.
Ein Freiwilligendienst nach dem Jugendfreiwilligendienstegesetz sichert Taschengeld, Unterkunft oder Zuschüsse, Sozialversicherung und den Kindergeldanspruch nach § 32 Abs. 4 EStG. Bei einer reinen Reise ist das anders: Kindergeld läuft dann nur für eine Übergangszeit von höchstens vier Monaten bis zur nächsten Ausbildung weiter – oder wenn der Auslandsaufenthalt als Berufsausbildung gilt, was systematischen Sprachunterricht von mindestens zehn Wochenstunden voraussetzt. Ein ganzes Jahr ohne Anspruch kostet 3.108 Euro Kindergeld.
Klären Sie das vorher mit der Familienkasse, nicht danach. Inhaltlich gilt: Ein Jahr mit festem Rahmen hilft bei der Orientierung, ein Jahr ohne verschiebt sie.
Und planen Sie die Rückkehr mit – duale Studienplätze werden oft ein Jahr und mehr im Voraus vergeben, Ausbildungsplätze bei Großbetrieben im Herbst des Vorjahres. Was ein Gap Year bringt, zeigt Gap Year sinnvoll?
Welche Rolle spielen soziale Medien bei der Berufswahl der Generation Z?
Sie erweitern die Liste der bekannten Berufe und verzerren zugleich das Bild vom Alltag – beides gehört zusammengedacht.
Der Nutzen ist echt: Berufe, die in der Familie nicht vorkommen, werden überhaupt erst sichtbar. Der Schaden liegt in der Auswahl dessen, was gezeigt wird – sichtbar sind die Ergebnisse, nicht die Routine, und genau die Routine entscheidet über das Durchhalten. 2024 wurden 29,7 Prozent der Ausbildungsverträge vorzeitig gelöst, und falsche Vorstellungen vom Beruf gehören zu den Gründen.
Die Gegenprobe kostet nichts: BERUFENET der Bundesagentur für Arbeit beschreibt für jeden anerkannten Ausbildungsberuf die tatsächlichen Tätigkeiten, und ein Praktikum zeigt sie.
Was Sie beitragen können, ist die Frage nach dem unangenehmsten Teil der Arbeit – sie führt aus der geschönten Darstellung heraus, ohne dass Sie den Beruf bewerten müssen. Wie Sie mit Influencer-Wünschen umgehen, steht in Kind will Influencer werden.
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