Orientierung & Berufswahl

Berufswahl am Gymnasium 2027: Der Zeitplan und die vier Wege

Berufswahl am Gymnasium: Das Abiturzeugnis kommt im Frühjahr, die meisten Fristen liegen vorher. Der Zeitplan, der wirklich gilt, und die vier Wege danach.

Von Leonard Döppeler · Zuletzt aktualisiert am

Am Gymnasium beginnt die Berufsorientierung später und ist zugleich schwieriger – weil die Schule auf das Studium hinführt und die Frage nach dem Beruf bis zum Abitur aufgeschoben wird. Das erklärt, warum viele Abiturienten im Frühjahr der Q2 zum ersten Mal ernsthaft darüber nachdenken und dann unter Zeitdruck geraten. Dieser Ratgeber zeigt den Zeitplan, der wirklich gilt, die vier Wege nach dem Abitur und was ein Überbrückungsjahr taugt.

Der Zeitplan, der wirklich gilt

Das Abiturzeugnis kommt im Frühjahr – die meisten Fristen liegen vorher.

WannWas
Ende Klasse 10 / EFErstes Praktikum, Berufsfelder erkunden
Q1, HerbstBewerbungen für duale Studienplätze – große Unternehmen schreiben rund zwölf Monate vorher aus
Q1, Frühjahr bis Q2, HerbstBewerbungen für Ausbildungsplätze; Großbetriebe besetzen den August im Herbst des Vorjahres
Q2, WinterStudienplatzbewerbung vorbereiten, zulassungsbeschränkte Fächer prüfen
Q2, FrühjahrAbitur – und erst jetzt das Zeugnis

Der häufigste Fehler: auf das Zeugnis warten. Für das duale Studium ist die Bewerbungsfrist dann seit einem Jahr vorbei, für viele Ausbildungsplätze seit einem halben. Bewerbungen sind ohne Abschlusszeugnis möglich; es wird nachgereicht.

Die vier Wege

Studium. Der erwartete Weg – und der mit der höchsten Abbruchquote: Das Deutsche Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung ermittelte für die Bachelor-Anfängerjahrgänge 2016 und 2017 eine Abbruchquote von 28 Prozent, an Universitäten 35 Prozent, an Hochschulen für angewandte Wissenschaften 20 Prozent. Ein Studium ohne Vorstellung vom Beruf dahinter ist der teuerste Weg zur Orientierung.

Ausbildung. Mit Abitur oft verkürzt auf zwei bis zweieinhalb Jahre, weil § 8 BBiG die Verkürzung auf gemeinsamen Antrag zulässt, wenn das Ausbildungsziel in kürzerer Zeit erreichbar ist. Viele Betriebe bieten Abiturienten zusätzlich Fortbildungsbausteine parallel zur Ausbildung an.

Duales Studium. Bachelor und Vergütung zugleich, aber mit früher Festlegung auf Branche, Betrieb und Fach. Entscheidend ist das Format – ausbildungsintegrierend mit zusätzlichem Ausbildungsvertrag nach dem Berufsbildungsgesetz oder praxisintegrierend ohne. Ausführlich in Duales Studium.

Überbrückungsjahr mit Struktur. Freiwilligendienst, Auslandsaufenthalt, Praktikum – tauglich, wenn ein Rahmen da ist; sonst ein verlorenes Jahr.

Was das Gymnasium selbst leistet

Meist weniger als die anderen Schulformen, und später. Fragen Sie gezielt nach drei Dingen: Wer ist die Ansprechperson für Studien- und Berufsorientierung, wann ist die Berufsberatung der Bundesagentur für Arbeit im Haus, und gibt es ein verpflichtendes Praktikum. Die Berufsberatung ist nach §§ 29 und 30 SGB III gesetzlicher Auftrag, nach § 296a SGB III kostenlos und führt Gespräche ausdrücklich auch mit Eltern.

Grundlage der Zusammenarbeit zwischen Schule und Berufsberatung ist die Rahmenvereinbarung zwischen Kultusministerkonferenz und Bundesagentur für Arbeit vom 1. Juni 2017.

Häufig gestellte Fragen: Berufswahl am Gymnasium 2027: Der Zeitplan und die vier Wege

Ist eine Ausbildung nach dem Abitur unter dem Niveau meines Kindes?

Nein – und die Frage misst ohnehin das Falsche, weil sie Abschlüsse vergleicht statt Wege.

Eine Ausbildung mit Abitur dauert häufig nur zwei bis zweieinhalb Jahre, weil § 8 BBiG die Verkürzung auf gemeinsamen Antrag von Auszubildendem und Betrieb zulässt. Danach steht Ihr Kind mit Berufsabschluss, Berufserfahrung und eigenem Einkommen da, während Gleichaltrige im vierten oder fünften Semester sitzen.

Der Weg zur Hochschule bleibt offen – mit Abitur ohnehin jederzeit, und nach dem Beschluss der Kultusministerkonferenz vom 6. März 2009 öffnet auch ein Meister-, Techniker- oder Fachwirtabschluss jedes Studium.

Prüfen Sie außerdem, woher die Sorge kommt. Geht es um Einkommen, hilft der Entgeltatlas der Bundesagentur für Arbeit mit Werten für den konkreten Beruf; geht es um Ansehen, ist es eher Ihre Frage als die Ihres Kindes. Mehr dazu in Kind will Ausbildung statt Studium.

Mehr zur Frage: Ist eine Ausbildung nach dem Abitur unter dem Niveau meines Kindes?

Wie finde ich heraus, ob mein Kind eher der Studien- oder Ausbildungstyp ist?

An drei Beobachtungen aus dem Alltag, nicht am Notendurchschnitt:

  • Umgang mit unstrukturierter Zeit: Wer sich Aufgaben selbst einteilt, ohne dass jemand fragt, kommt im Studium zurecht.
  • Ausdauer bei Theorie ohne sichtbaren Zweck: Wer ein Thema auch dann verfolgt, wenn es gerade zu nichts führt, ebenso.
  • Bedürfnis nach Rückmeldung: Wer besser arbeitet, sobald ein Ergebnis sichtbar wird, findet das in der Ausbildung täglich.

Das Abiturzeugnis sagt dazu wenig – es misst, was die Schule prüft, und ist die Eintrittskarte zum Studium, nicht das Argument dafür. Zur Einordnung: Das DZHW ermittelte für die Bachelor-Anfängerjahrgänge 2016 und 2017 eine Abbruchquote von 28 Prozent, an Universitäten 35 Prozent.

Der verlässlichste Test bleibt praktisch: zwei Wochen Praktikum gegen einen Schnuppertag an der Hochschule. Die Abwägung im Detail zeigt Ausbildung oder Studium.

Mehr zur Frage: Wie finde ich heraus, ob mein Kind eher der Studien- oder Ausbildungstyp ist?

Wann sollte mein Kind anfangen, sich mit der Berufswahl zu beschäftigen?

Spätestens zu Beginn der Oberstufe – und für duale Studienplätze früher, weil große Unternehmen oft ein Jahr und mehr vor Studienbeginn ausschreiben.

Der Rhythmus richtet sich nicht nach dem Abiturtermin, sondern nach dem Bewerbungskalender: Duale Studienplätze und Ausbildungsplätze in Großbetrieben, Behörden und Banken werden oft schon im Herbst des Vorjahres vergeben. Wer auf das Abiturzeugnis wartet, verpasst beides. Bewerbungen sind ohne Abschlusszeugnis möglich, es wird nachgereicht.

Für das Studium selbst sind die Fristen später, aber zulassungsbeschränkte Fächer und Eignungsprüfungen verlangen ebenfalls Vorlauf.

Praktisch heißt das: In der Oberstufe gehört ein fester Termin pro Woche in den Kalender, den Ihr Kind selbst füllt – zwanzig Minuten reichen, wenn sie regelmäßig sind. Einen Termin bei der Berufsberatung der Bundesagentur für Arbeit gibt es unabhängig von der Schule, kostenlos und auch für Oberstufenschüler. Die Zeitleiste zeigt Zeitplan für die Berufsorientierung.

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Was tun, wenn mein Kind nach dem Abi komplett orientierungslos ist?

Kein Studium als Platzhalter beginnen – das ist ein teurer Weg zur Orientierung. Besser ist ein Jahr mit Struktur. Zur Einordnung: Das DZHW weist für die Bachelor-Anfängerjahrgänge 2016 und 2017 eine Abbruchquote von 28 Prozent aus, an Universitäten 35 Prozent. Tauglich sind strukturierte Zwischenjahre:

  • Freiwilligendienst nach dem Jugendfreiwilligendienstegesetz, der Taschengeld, Versicherung und den Kindergeldanspruch sichert,
  • ein längeres Praktikum in einem Bereich, der zur Debatte steht,
  • Einstiegsqualifizierung nach § 54a SGB III von vier bis zwölf Monaten, die bei anschließender Ausbildung angerechnet werden kann.

Zwischen Schulabschluss und dem nächsten Ausbildungsabschnitt zahlt die Familienkasse ohnehin bis zu vier Monate weiter.

Holen Sie außerdem die Berufsberatung der Bundesagentur für Arbeit dazu – kostenlos, und auf Wunsch Ihres Kindes auch mit Ihnen gemeinsam. Was ein Gap Year bringt, zeigt Gap Year sinnvoll?

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Wie viel darf ich als Elternteil überhaupt noch mitreden?

Mitreden ja, entscheiden nein – und bei einem volljährigen Kind steht das ohnehin nicht mehr zur Debatte. § 1626 Abs. 2 BGB verpflichtet Eltern, die wachsende Fähigkeit des Kindes zu selbständigem, verantwortungsbewusstem Handeln zu berücksichtigen; mit 18 endet die elterliche Sorge.

Was bleibt, ist Ihre Erfahrung als Beispiel und, wenn gewünscht, die Organisation:

  • Fristen sammeln,
  • Unterlagen vollständig halten,
  • einmal über das Anschreiben lesen.

Was nicht hilft, sind Sätze, die ein Ergebnis voraussetzen.

Eine Ausnahme betrifft das Geld: Für eine angemessene erste Ausbildung besteht eine Unterhaltspflicht nach § 1610 Abs. 2 BGB, und daraus folgt ein berechtigtes Interesse an einem Plan – nicht aber ein Recht, das Fach auszusuchen. Wird daraus Streit, hilft Berufswahl-Streit mit dem Kind.

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Lohnt sich ein Auslandsjahr oder ein Freiwilligendienst nach dem Abitur?

Wenn es Struktur hat, ja – und beim Freiwilligendienst läuft das Kindergeld weiter, was viele Familien nicht wissen.

Ein Freiwilligendienst nach dem Jugendfreiwilligendienstegesetz zählt nach § 32 Abs. 4 EStG als Berücksichtigungstatbestand; das Kindergeld von 259 Euro läuft also weiter. Dazu kommen Taschengeld, Unterkunft oder Zuschüsse und die Sozialversicherung über den Träger.

Bei einem reinen Auslandsaufenthalt ohne Dienst ist das anders: Kindergeld gibt es dann nur für eine Übergangszeit von höchstens vier Monaten bis zur nächsten Ausbildung – oder wenn der Aufenthalt als Berufsausbildung gilt, was systematischen Sprachunterricht von mindestens zehn Wochenstunden voraussetzt. Ein ganzes Jahr ohne Anspruch kostet 3.108 Euro.

Inhaltlich gilt: Ein Jahr mit festem Rahmen hilft bei der Orientierung, ein Jahr ohne verschiebt sie. Und planen Sie die Rückkehr mit – die Bewerbungsfristen laufen weiter, auch wenn Ihr Kind im Ausland ist. Welche Formate es gibt, zeigt Work and Travel nach dem Abi.

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