Ausbildungsberufe & Branchen
Ausbildung im Handwerk 2027: Ablauf, Betriebswahl und Karriere – der Leitfaden für Eltern
Eine Handwerksausbildung läuft an drei Lernorten, nicht an zweien. Wie der dritte funktioniert, was er kostet und welche sieben Fragen den Betrieb verraten.
Von Leonard Döppeler · Zuletzt aktualisiert am
Eine Handwerksausbildung dauert drei bis dreieinhalb Jahre und besteht aus drei Lernorten: Betrieb, Berufsschule und überbetriebliche Lehrlingsunterweisung – deren Kosten einschließlich Fahrt und Unterkunft der Betrieb tragen muss (§§ 14, 15 BBiG). Das Handwerk bildet mehr aus, als seine Größe erwarten lässt: Rund 346.000 junge Menschen lernen laut ZDH-Kennzahlen 2025 in etwa 1,04 Millionen Betrieben, das sind 28,7 Prozent aller Auszubildenden in Deutschland. 2025 wurden 135.540 neue Lehrverträge geschlossen – ein Plus von 0,4 Prozent, während die Zahl bundesweit um 2,1 Prozent sank –, und trotzdem blieben über 16.000 Plätze unbesetzt. Für Ihr Kind heißt das: Es hat die Wahl. Dieser Ratgeber erklärt, wie die Ausbildung abläuft, woran Sie einen guten Betrieb erkennen und was nach dem Gesellenbrief kommt. Welche Handwerksberufe gute Aussichten haben, steht dagegen in Handwerksberufe mit Zukunft.
Wie läuft eine Handwerksausbildung ab?
Drei Lernorte, die sich abwechseln:
| Lernort | Anteil | Wer zahlt |
|---|---|---|
| Ausbildungsbetrieb | der größte Teil der Zeit | zahlt die Ausbildungsvergütung |
| Berufsschule | 1–2 Tage pro Woche oder Blockunterricht | Land; Fahrtkosten je nach Bundesland, siehe Fahrtkosten in der Ausbildung |
| Überbetriebliche Lehrlingsunterweisung (ÜLU) | mehrere Wochen über die Ausbildung verteilt | der Betrieb – Lehrgang, Fahrt und Unterkunft (§§ 14, 15 BBiG); abweichende Vereinbarungen sind nach § 25 BBiG nichtig |
Die ÜLU ist die Besonderheit des Handwerks: In den Bildungszentren der Kammern lernt Ihr Kind, was ein einzelner Betrieb nicht abdecken kann – etwa ein Elektrobetrieb, der überwiegend Neubau macht, aber die Prüfung auch Altbausanierung verlangt. Für Eltern wichtig: Diese Wochen sind Pflicht, sie gelten als Arbeitszeit, und der Betrieb trägt die Kosten. Wenn ein Betrieb das anders darstellt, ist die Handwerkskammer der richtige Ansprechpartner.
Nach etwa der Hälfte steht die Zwischenprüfung oder Teil 1 der gestreckten Gesellenprüfung – bei der gestreckten Prüfung zählt das Ergebnis bereits zur Abschlussnote. Am Ende steht die Gesellenprüfung vor der Handwerkskammer, bestehend aus Prüfungsstück, Arbeitsproben und schriftlichen Teilen. Berufsschulnoten gehören nicht zu den Zulassungsvoraussetzungen (§ 43 BBiG); wer durchfällt, hat zwei weitere Versuche (§ 37 BBiG) und kann verlangen, dass die Ausbildung bis zur Wiederholungsprüfung verlängert wird.
Welchen Schulabschluss braucht mein Kind?
Keinen bestimmten. Das Berufsbildungsgesetz schreibt für keine Ausbildung einen Schulabschluss vor. Die tatsächliche Verteilung zeigt die ZDH-Statistik für die 2024 neu eingestellten Auszubildenden im Handwerk:
| Vorbildung | Anteil |
|---|---|
| Realschulabschluss | 43 % |
| Hauptschulabschluss | rund ein Drittel |
| Studienberechtigung | rund 16 % |
| ohne Schulabschluss | knapp 4 % |
Der Frauenanteil lag 2025 bei 19,2 Prozent – in Elektro-, SHK- und Kfz-Betrieben sind Bewerberinnen ausdrücklich gesucht, gerade weil sie fehlen.
Was Betriebe stattdessen prüfen: ob Ihr Kind pünktlich ist, zupackt und nachfragt. Ein Praktikum ist deshalb die wirksamste Bewerbung – wo Sie einen Platz finden, steht in Schülerpraktikum finden.
Woran erkennen wir einen guten Ausbildungsbetrieb?
Die Ausbildungsqualität unterscheidet sich zwischen zwei Betrieben desselben Gewerks stärker als zwischen zwei Gewerken. Fragen Sie vor der Unterschrift:
- Wer ist der Ausbilder – und hat er Zeit? Ein Betrieb muss einen Ausbilder benennen (§ 14 BBiG). Lassen Sie sich den Namen sagen.
- Wie viele Azubis hat der Betrieb, und wie viele haben zuletzt bestanden? Die Handwerkskammer weiß das.
- Werden Azubis zu Kunden mitgenommen? Wer drei Jahre die Werkstatt fegt, besteht die Prüfung nicht.
- Wer zahlt ÜLU-Fahrten und Unterkunft? Antwort muss sein: der Betrieb.
- Gibt es Werkzeug und Arbeitskleidung vom Betrieb? Nach § 14 Abs. 1 Nr. 3 BBiG kostenlos.
- Wird nach Tarif gezahlt? Eine völlig normale Frage; der Unterschied über drei Jahre ist vierstellig.
- Wird übernommen? Fragen Sie nach der Quote der letzten Jahre.
Warum das zählt, zeigt der DGB-Ausbildungsreport 2026, vorgestellt am 20. August 2026 auf Basis von 13.227 befragten Auszubildenden: 65,7 Prozent sind mit ihrer Ausbildung zufrieden – in Betrieben mit betrieblicher Interessenvertretung sind es 75,7 Prozent. 35,4 Prozent leisten regelmäßig Überstunden, die bei Minderjährigen nach dem Jugendarbeitsschutzgesetz gar nicht zulässig wären.
Betriebe aus Ihrer Region, die sich Eltern vorstellen, finden Sie unter Unternehmen entdecken; worauf Sie im Vertrag achten, steht in Ausbildungsvertrag: Was Eltern beachten sollten.
Was verdient mein Kind – in der Ausbildung und danach?
In der Ausbildung gilt seit 2026 die gesetzliche Mindestvergütung von 724 Euro im ersten Jahr als Untergrenze; tarifgebundene Betriebe zahlen mehr, nicht tarifgebundene dürfen den Branchentarif um höchstens 20 Prozent unterschreiten (§ 17 Abs. 4 BBiG). Die Spanne im Handwerk ist groß – die Beträge je Beruf stehen in Handwerksberufe mit Zukunft und Ausbildungsvergütung: Übersicht.
Nach der Gesellenprüfung hängt alles am Tarif. Ein datiertes Beispiel: Im Bauhauptgewerbe gilt seit dem 1. April 2026 bundesweit ein Gesamtstundenlohn von 23,97 Euro für Facharbeiter der Lohngruppe 3 (22,64 Euro Tariflohn plus 1,33 Euro Bauzuschlag). Bau, Elektro und Dachdecker haben allgemeinverbindliche Tarifverträge, andere Gewerke nicht – deshalb ist die Frage nach der Tarifbindung im Vorstellungsgespräch wichtiger als jede Gehaltsschätzung.
Wie geht es nach dem Gesellenbrief weiter?
- Meister. In den 53 zulassungspflichtigen Gewerken (Anlage A der Handwerksordnung) die Voraussetzung für den eigenen Betrieb und für das Ausbilden. Im Deutschen Qualifikationsrahmen auf Niveau 6 – derselben Stufe wie ein Bachelor –, mit dem Zusatz „Bachelor Professional" seit der Novelle 2020.
- Finanzierung: Das Aufstiegs-BAföG übernimmt Lehrgangs- und Prüfungsgebühren bis 15.000 Euro, davon 50 Prozent als Zuschuss; bei bestandener Prüfung werden weitere 50 Prozent des Restdarlehens erlassen. Mehrere Länder zahlen zusätzlich eine Meisterprämie, etwa Bayern 3.000 Euro und Hessen 3.500 Euro.
- Techniker oder Betriebswirt des Handwerks als Alternative Richtung Planung oder Betriebsführung.
- Studium ohne Abitur – mit Meister jedes Fach; mit Gesellenbrief, drei Jahren Berufspraxis im passenden Bereich und einer Eignungsprüfung oder einem erfolgreichen Probejahr ein fachlich passendes; Details in Studium ohne Abitur nach der Ausbildung.
- Betriebsübernahme. Viele Inhaber suchen Nachfolger – das ist der stille Vorteil des Handwerks gegenüber Konzernlaufbahnen.
Wie sieht der Alltag im ersten Ausbildungsjahr aus?
Der Einstieg ist für viele Jugendliche der härteste Teil – und der Grund, warum die meisten Abbrüche im ersten Jahr passieren. Worauf Sie Ihr Kind vorbereiten können:
- Der Tag beginnt früh. Auf dem Bau und im Dachdeckerhandwerk oft um 6 oder 7 Uhr, mit Anfahrt zur Baustelle davor. Für Minderjährige gilt die Grenze von 6 bis 20 Uhr (§ 14 JArbSchG), acht Stunden am Tag, fünf Tage die Woche.
- Zuschauen kommt vor Mitmachen. In den ersten Wochen hält Ihr Kind Werkzeug, räumt auf und sieht zu. Das ist normal und kein schlechtes Zeichen – problematisch wird es, wenn sich daran nach Monaten nichts ändert. Ausbildungsfremde Tätigkeiten sind nach § 14 Abs. 2 BBiG unzulässig.
- Die Berufsschule überrascht. Fachrechnen und Fachtheorie holen viele ein, die in der Schule mit Mathematik gekämpft haben. Wer hier früh Hilfe organisiert, rettet die Ausbildung – kostenlos über die Assistierte Ausbildung der Agentur für Arbeit (§ 74 SGB III). Mehr dazu in Probleme in der Berufsschule.
- Der Körper meldet sich. Muskelkater, Rückenschmerzen und Erschöpfung in den ersten Wochen sind üblich. Anhaltende Schmerzen sind es nicht – dann gehört das zum Arzt und zum Ausbilder.
- Die Probezeit läuft. Ein bis vier Monate, in denen beide Seiten ohne Frist kündigen können (§ 20 BBiG). Nutzen Sie sie als Prüfzeit in beide Richtungen.
Wenn es klemmt, ist der Ausbildungsberater der Handwerkskammer die erste Adresse (§ 76 BBiG) – kostenlos, auch für Eltern, und oft wirksamer als jedes Gespräch zu zweit. Wie ein Betriebswechsel abläuft, falls er doch nötig wird, steht in Ausbildungsbetrieb wechseln.
Häufig gestellte Fragen: Ausbildung im Handwerk 2027: Ablauf, Betriebswahl und Karriere – der Leitfaden für Eltern
Hat Handwerk noch Zukunft?
Ja – und die Zahlen sprechen dafür: 2025 schloss das Handwerk laut Berufsbildungsbericht 2026 mit 135.540 neuen Lehrverträgen 0,4 Prozent mehr ab als im Vorjahr, während die Zahl bundesweit um 2,1 Prozent sank.
Über 16.000 angebotene Plätze blieben trotzdem unbesetzt, und die Engpassanalyse der Bundesagentur für Arbeit für das Datenjahr 2025 weist weiterhin Engpässe in Bau- und Handwerksberufen aus.
Dazu kommt ein struktureller Treiber: Das Klimaschutzgesetz verlangt Treibhausgasneutralität bis 2045, und dafür müssen Heizungen, Dächer, Stromnetze und Gebäudehüllen millionenfach umgebaut werden.
Eine Jobgarantie gibt es trotzdem nicht – Sicherheit hängt vom Gewerk, vom Betrieb und von der Bereitschaft zur Weiterbildung ab. Welche Gewerke gefragt sind, zeigt Handwerksberufe mit Zukunft.
Wie viel verdient man im Handwerk?
In der Ausbildung mindestens 724 Euro im ersten Jahr – das ist die gesetzliche Mindestvergütung für Verträge mit Beginn 2026; die tatsächlichen Sätze liegen meist darüber. Die BIBB-Erhebung 2024 weist für das Tischlerhandwerk 771 Euro im ersten Jahr aus, für Maurer 1.536 Euro im dritten.
Nicht tarifgebundene Ausbildungsbetriebe dürfen den einschlägigen Tarif in der Regel um höchstens 20 Prozent unterschreiten (§ 17 Abs. 4 BBiG).
Für Gesellen gibt es keinen bundesweiten Durchschnitt, sondern Tarifverträge je Gewerk und Region – im Bauhauptgewerbe etwa 23,97 Euro pro Stunde seit dem 1. April 2026. Entscheidend ist die Tarifbindung: Bau, Elektro und Dachdecker haben allgemeinverbindliche Tarifverträge, viele andere Gewerke nicht.
Verlassen Sie sich deshalb nicht auf Zahlen aus Stellenanzeigen, sondern fragen Sie im Vorstellungsgespräch direkt: „Zahlen Sie nach Tarif?“ Die Vergütungen der einzelnen Berufe stehen in Handwerksberufe mit Zukunft.
Welche Handwerksberufe zahlen am besten?
In der Ausbildung die Bauberufe – der Grund ist der allgemeinverbindliche Bautarif, nicht der Beruf an sich. Laut BIBB kamen 2024 im ersten, zweiten und dritten Jahr
- Maurer auf 1.078 / 1.286 / 1.536 Euro,
- Zimmerer auf 1.068 / 1.282 / 1.528 Euro,
- Straßenbauer auf 1.081 / 1.281 / 1.518 Euro.
Tischler lagen bei 771 / 921 / 1.041 Euro, auch Friseure deutlich unter dem Bau.
Nach der Ausbildung verschiebt sich das Bild: Dann entscheiden Tarifbindung, Zulagen, Spezialisierung und vor allem der Meisterbrief, weil er den eigenen Betrieb ermöglicht. Eine seriöse Rangliste der bestbezahlten Handwerksberufe gibt es nicht – wählen Sie mit Ihrem Kind nach Tätigkeit und prüfen Sie dann den Tarif des konkreten Betriebs. Einen Überblick über alle Branchen gibt Gut bezahlte Ausbildungsberufe.
Kann mein Kind im Handwerk Karriere machen?
Ja, über vier Wege – und alle vier sind staatlich gefördert:
- Der Meister. Er steht im Deutschen Qualifikationsrahmen auf Niveau 6, derselben Stufe wie ein Bachelor, und darf seit 2020 den Zusatz „Bachelor Professional" führen. In den 53 zulassungspflichtigen Gewerken ist er zudem die Voraussetzung für den eigenen Betrieb.
- Der Techniker.
- Der Betriebswirt des Handwerks.
- Ein Studium – auch ohne Abitur. Wie das geht, steht in Studium ohne Abitur nach der Ausbildung.
Das Aufstiegs-BAföG übernimmt Lehrgangs- und Prüfungskosten bis 15.000 Euro zur Hälfte als Zuschuss und erlässt bei bestandener Prüfung weitere 50 Prozent des Restdarlehens; Länder wie Bayern (3.000 Euro) und Hessen (3.500 Euro) zahlen zusätzlich eine Prämie. Und viele Inhaber suchen in den nächsten Jahren einen Nachfolger.
Übersicht zum Thema: Berufe mit Zukunft 2027: 10 Ausbildungsberufe mit guten Aussichten